Mir war eiskalt. Und ich kam nicht mehr hoch.
Ich versuchte es wieder und wieder. Stemmen. Abstützen. Noch ein Versuch.
Nichts.
In meinem Kopf nur dieser Gedanke:
„Verdammt nochmal – es muss doch möglich sein, dass ich von dieser Bank wieder hochkomme.“
Ein paar Monate zuvor, am 12. September 2019, hatte ich meine erste schwere Drehschwindelattacke. Plötzlich drehte sich alles. Meine Augen zuckten unkontrolliert – Nystagmus. Ich konnte keinen Punkt mehr fixieren, nicht einmal sehen, wen ich gerade anrufe.
Damals wusste ich noch nicht, dass dies der Beginn meiner Reise mit Morbus Menière war.
Zwei Jahre ohne Diagnose: wenn seltene Erkrankungen einen zum Ende der Geduld bringen und man schließlich mit der eigenen Diagnose zum Arzt geht.
Nach der Bank-Szene begann meine Diagnose-Odyssee.
Ich suchte Ärztinnen und Ärzte aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen auf: Hausarzt, HNO, Neurologie, Orthopädie, Augenheilkunde, Zahnmedizin, sogar Gynäkologie. Jeder hatte eine Vermutung. Aber niemand sprach klar aus, was es sein könnte.
Dabei litt ich unter:
- heftigen Drehschwindelattacken
- Gleichgewichtsstörungen
- Nystagmus
- Hörverlust auf einem Ohr
- Unsicherheit beim Gehen
- Tinnitus
Ich hörte Sätze wie:
„Sie sehen doch gesund aus.“
„Sie haben ja noch ein Ohr.“
„Machen Sie mal Lagerungsübungen.“
Und einmal sogar: „Nehmen Sie mal Antidepressiva.“
Nicht, weil psychische Erkrankungen nicht ernst zu nehmen wären. Sondern weil ich spürte: Meine körperlichen Symptome wurden nicht wirklich verstanden.
Viele Menschen mit unsichtbaren chronischen Erkrankungen kennen dieses Gefühl. Man sieht gesund aus – und fühlt sich doch alles andere als gesund.
Die offizielle Diagnose Morbus Menière erhielt ich schließlich 2021.
Morbus Menière: Mehr als nur Schwindel
Morbus Menière ist eine chronische Erkrankung des Innenohrs. Sie geht häufig mit wiederkehrenden Drehschwindelattacken, Hörverlust, Tinnitus und Druckgefühl im Ohr einher.
Doch was in medizinischen Texten sachlich klingt, verändert im Alltag ein ganzes Leben.
Ich hatte zwei Kinder. Eine eigene Physiotherapiepraxis. Einen Mann. Einen Hund. Ein Haus.
Und plötzlich musste ich mich fragen:
Wie arbeite ich mit chronischer Erkrankung weiter?
Wie gehe ich unter Menschen, wenn ich nicht richtig höre?
Was, wenn mitten im Restaurant eine Schwindelattacke kommt?
Ich zog mich zurück. Sagte Einladungen ab. Mied größere Runden. Hatte Angst, mich zu blamieren oder die Kontrolle zu verlieren.
Nicht hören trennt von Menschen.
Nicht stehen können trennt vom Leben.
Mein Wendepunkt: Cochlea-Implantat bei Hörverlust
Der entscheidende Schritt war meine Entscheidung für ein Cochlea-Implantat (CI).
Nach über 20 Jahren schlechten Hörens auf dem linken Ohr konnte ich plötzlich wieder Sprache verstehen. Anders. Elektronisch. Aber verständlich.
Für viele Menschen mit einseitigem Hörverlust oder fortgeschrittener Innenohrschädigung kann ein Cochlea-Implantat neue Lebensqualität bedeuten.
Für mich bedeutete es:
- wieder Gespräche führen zu können
- wieder aktiv am sozialen Leben teilzunehmen
- wieder beruflich sicherer zu sein
- wieder Mut zu fassen
Mein Leben wurde nicht wie früher.
Aber es wurde anders gut.
Und genau darin liegt eine wichtige Erfahrung im Leben mit chronischer Erkrankung: Es geht nicht darum, das Alte zurückzubekommen. Sondern darum, einen neuen Weg zu finden.
Unsichtbar chronisch: Warum wir einen Podcast gegründet haben
Aus meiner eigenen Erfahrung mit Morbus Menière, Hörverlust und chronischer Erkrankung ist etwas Neues entstanden.
Mein Mann und ich haben den Podcast (un)sichtbar chronisch gegründet.
In diesem Podcast sprechen wir über:
- das Leben mit unsichtbaren Erkrankungen
- chronisch krank und trotzdem berufstätig
- Partnerschaft mit chronischer Erkrankung
- Scham, Wut und Angst
- gesellschaftliche Hürden
- Erfahrungen mit Ärzten
- und die Frage: Wie kann ein gutes Leben trotz chronischer Diagnose aussehen?
Wir möchten Betroffenen eine Stimme geben. Denn viele chronische Erkrankungen sind nicht sichtbar – aber sie prägen das Leben tief.
Und wir möchten zeigen:
Ein gutes Leben mit chronischer Erkrankung ist möglich.
Nicht trotz der Diagnose. Manchmal sogar gerade deswegen.
Leben mit chronischer Erkrankung: Du bist nicht allein
Chronische Erkrankungen entstehen häufig im Laufe des Lebens. Sie können jede und jeden treffen. Und sie verändern Identität, Beziehungen, Beruf und Alltag.
Was ich gelernt habe:
- Rückzug ist verständlich – aber nicht alternativlos.
- Wut ist berechtigt – und darf da sein.
- Hoffnung ist kein naives Konzept, sondern eine Entscheidung.
- Ein neues, gutes Leben kann wachsen – Schritt für Schritt.
Wenn du selbst mit einer chronischen Erkrankung lebst – ob Morbus Menière, Hörverlust oder einer anderen unsichtbaren Diagnose – dann möchte ich dir sagen:
Es ist noch nicht vorbei.
Hier findest du unseren Podcast (un)sichtbar chronisch:
https://unsichtbarchronisch.de
Und wenn du deine Geschichte teilen möchtest, freuen wir uns, von dir zu hören.
Manchmal beginnt ein neuer Weg genau dort, wo man denkt, es geht nicht mehr weiter.
So wie auf einer kalten Parkbank im Januar.
