„Schlecht hören tun doch nur alte Menschen.“
So ein Satz sitzt leider immer noch tief in vielen Köpfen.
Und genau deshalb möchte ich heute etwas sehr Persönliches mit dir teilen.
Denn: Hörverlust kann jeden treffen. Auch jung. Auch plötzlich. Auch mitten im Leben.
Mein Hörsturz mit 24: Von einem Morgen auf den anderen war alles anders
Wir schreiben das Jahr 2002.
Ich war mitten im Staatsexamen, als ich morgens aufwachte – und plötzlich war nichts mehr wie vorher.
Auf einem Ohr hörte ich nur noch wie durch Watte.
Alles klang verzerrt, dumpf, wie unter Wasser.
Dazu kam ein diffuser Schwindel.
Von jetzt auf gleich.
Das war kein Moment von „Irgendwas stimmt hier nicht“.
Das war ein echter Schock.
Von einer Minute auf die andere plötzlich deutlich schlechter zu hören – und das mit gerade einmal 24 Jahren.
Und genau deshalb ist mir dieser Punkt so wichtig:
Schlecht hören ist kein Alte-Leute-Thema.
Es kann jede und jeden treffen. Auch junge Menschen.
Hörsturz Behandlung: Über 20 Infusionen – und trotzdem keine Besserung
Natürlich hatte ich zunächst die Hoffnung, dass alles wieder verschwindet.
Dass es nur vorübergehend ist.
Dass ich einfach nur Geduld brauche.
Ich bekam über 20 Infusionen über die Vene.
Ich dachte damals: Irgendetwas davon muss doch helfen.
Aber es half nicht.
Und damit begann etwas, das ich mir in diesem Moment niemals hätte vorstellen können:
Ich strengte mich beim Hören einfach weiter an.
Nicht für ein paar Wochen.
Nicht für ein paar Monate.
Nicht für ein paar Jahre.
Sondern für 20 Jahre.
20 Jahre einohrig leben: Irgendwo zwischen den Welten
Von 2002 bis 2022 habe ich im Grunde einohrig gelebt.
Und das Verrückte daran?
Ich fühlte mich nirgends so richtig zugehörig.
- Nicht zu den Hörenden.
- Aber auch nicht zu den Tauben.
Ich war irgendwie dazwischen.
So ein Gefühl von: nichts Halbes und nichts Ganzes.
Viele Menschen mit Hörminderung kennen genau dieses Zwischengefühl:
Man funktioniert irgendwie nach außen noch „gut genug“, aber innerlich kostet es unglaublich viel Kraft.
Dieses ständige:
- Mitdenken
- Mitraten
- Ausgleichen
- Lippen lesen
- Geräusche filtern
- Gespräche erraten
- Missverständnisse überspielen
Das alles sieht von außen kaum jemand.
Aber es ist enormer Hörstress – und auf Dauer pure Erschöpfung.
Mein erstes Hörgerät: Zu laut, schmerzhaft und völlig überfordernd
Ein Hörgerät kam bei mir übrigens schon relativ früh ins Spiel.
Eine Patientin von mir, die Akustikerin war, sagte damals sinngemäß:
„Du kannst doch nicht so einohrig rumlaufen.“
Also bekam ich ein Hörgerät.
Und was soll ich sagen?
Es war furchtbar.
- Es war unvorstellbar laut.
- Es tat weh.
- Ich hatte zusätzlich eine Hyperakusis, also eine starke Geräuschempfindlichkeit.
Für mich war dieses erste Hörgerät nicht hilfreich, sondern schlicht überfordernd.
Ich habe es frustriert zurückgebracht.
Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin:
Viele Betroffene erleben am Anfang genau das.
Ein Hörgerät ist nicht automatisch sofort eine Erleichterung – besonders dann nicht, wenn zusätzlich Hyperakusis, Tinnitus oder ein komplexer Innenohrschaden vorliegen.
Zweite Chance fürs Hörgerät: Lauter hören ist nicht automatisch besser verstehen
Erst viel später – als ich wirklich mehr als erschöpft war – bekam das Hörgerät eine zweite Chance.
Diesmal war es anders.
Der Akustiker stellte es langsam, vorsichtig und schrittweise ein.
Ich weiß noch genau, wie ich es das erste Mal trug.
Da fuhr ein Bus in ungefähr 300 Metern Entfernung – und ich dachte nur:
Ich werd nicht mehr. Ich höre ihn.
Plötzlich waren Geräusche wieder da.
Ich konnte wieder mehr hören.
Ich hörte Stimmen lauter.
Und dann kam der Dämpfer.
„Ich spreche mit Aliens“ – wenn Sprache trotz Hörgerät unverständlich bleibt
Ich saß mit meiner Yogagruppe im Restaurant.
Viele Stimmen.
Viele Geräusche.
Leben.
Alltag.
Und ich verstand…
nichts.
Wirklich gar nichts.
Das Hörgerät machte alles lauter, aber nicht klarer.
Bei mir waren durch Morbus Menière Haarzellen im Innenohr abgestorben.
Und wenn bestimmte Strukturen im Innenohr nicht mehr funktionieren, dann bedeutet „lauter“ eben nicht automatisch „verständlicher“.
Gerade das verstehen viele Außenstehende nicht:
Hören ist nicht gleich Verstehen.
Du kannst Geräusche wahrnehmen – und trotzdem Sprache kaum oder gar nicht entschlüsseln.
Ich saß dort und dachte ernsthaft:
Ich spreche mit Aliens.
Das war einer der tiefsten Punkte meines Lebens.
Denn da saß ich nun mit Hörgerät – und verstand trotzdem keine Sprache.
Warum viele Menschen ihr Hörgerät verstecken
Ja, ich habe mein Hörgerät am Anfang versteckt.
Warum?
Weil man nicht auffallen will.
Weil man dazugehören möchte.
Weil man nicht „alt“ wirken will.
Weil Hörgeräte in vielen Köpfen immer noch falsch abgespeichert sind.
Ganz ehrlich?
Das ist doch absurd.
Eine Brille versteckt schließlich auch niemand.
Und trotzdem schämen sich viele Menschen für:
- ein Hörgerät
- ein Cochlea-Implantat (CI)
- andere Hilfsmittel
- sichtbare oder unsichtbare Einschränkungen
Warum eigentlich?
Weil wir in unserer Gesellschaft oft noch immer gelernt haben:
Hilfsmittel machen Schwäche sichtbar.
Dabei ist in Wahrheit das Gegenteil richtig:
Hilfsmittel sind keine Schwäche. Sie sind Selbstfürsorge, Teilhabe und Lebensqualität.
Meine Entscheidung für ein Cochlea-Implantat trotz Gegenwind
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich – trotz vieler Kommentare aus meinem Umfeld – für ein Cochlea-Implantat (CI) entschieden habe.
Sätze wie:
- „Du brauchst kein Implantat.“
- „Das ist doch zu krass.“
- „So schlimm ist es doch gar nicht.“
- „Vielleicht gibt es bald was besseres“
- „Das ist eine Hirn OP“
…habe ich durchaus gehört.
Aber irgendwann wusste ich:
Ich muss aufhören, mich nach den Vorstellungen anderer zu richten – und anfangen, auf meine Realität zu hören.
Heute frage ich mich manchmal ganz ehrlich:
Wie um Himmels willen habe ich das 20 Jahre lang ohne echte Hörhilfe ausgehalten?
Mit:
- Tinnitus
- Hörminderung
- Hyperakusis
- Missverständnissen
- Rätselraten
- Unverständnis
- Scham
- Überforderung
- und diesem ständigen inneren Kompensieren
Mein Cochlea-Implantat ist sichtbar – und ich bin stolz darauf
Heute hängt mein CI sichtbar an meinem Kopf.
Und ich bin stolz darauf.
Nicht, weil ich „anders“ bin.
Sondern weil ich wieder besser verstehen kann.
Erst kürzlich wurde ich im Saunabereich von einem anderen CI-Träger angesprochen.
Er hat sich gefreut, mich zu sehen – wie eine Art Kumpanin, die ebenfalls ein Cochlea-Implantat trägt.
Und ich dachte nur:
Genau darum geht es.
- Nicht verstecken.
- Nicht so tun, als wäre da nichts.
- Nicht schweigen.
Sondern sagen:
- Ja, ich höre schlecht.
- Ja, ich trage ein CI.
- Und nein, das ist nichts, wofür ich mich schämen muss.
Ich habe sogar einen schönen Aufkleber auf meinem CI.
Warum auch nicht?
Dann ist es eben wie eine schicke Brille:
Nicht etwas, das man versteckt – sondern etwas, das einem hilft.
Und das man mit erhobenem Kopf trägt.
Hörschädigung, Tinnitus, Hyperakusis und Hörstress: Warum so viele schweigen
Wenn du selbst betroffen bist, dann möchte ich dir etwas mitgeben:
- Du musst dich nicht schämen, wenn du schlecht hörst.
- Du musst es nicht kleinreden, nur weil andere es nicht sofort sehen.
- Du musst dich nicht erklären, als hättest du dir das ausgesucht.
- Und du musst vor allem nicht still leiden, nur damit andere sich nicht unwohl fühlen.
Wenn du schlecht hörst, dann betrifft das nun einmal deine Kommunikation mit anderen Menschen.
Also darfst du es sagen.
Nein – mehr noch:
Du solltest es sagen.
Denn die Gesellschaft weiß oft erschreckend wenig über:
- Hörschädigungen
- Hörstress
- Tinnitus
- Hyperakusis
- Morbus Menière
- Cochlea-Implantate
- und die vielen unsichtbaren Belastungen, die damit einhergehen
Warum?
Weil viel zu oft geschwiegen wird.
Weil sich viele verstecken.
Weil viele denken:
- „Das sieht man mir ja nicht an.“
- „Ich bin doch noch zu jung dafür.“
- „Die glauben mir das eh nicht.“
- „Wie soll ich das ansprechen?“
- „Das ist mir zu peinlich!“
Ich kenne all das.
Unsichtbar chronisch: Warum ich über meine Hörschädigung spreche
Genau deshalb gibt es meinen Podcast:
(un)sichtbar chronisch – der Podcast für mehr Sichtbarkeit bei unsichtbaren chronischen Erkrankungen.
Dort spreche ich offen über Themen, über die viel zu selten ehrlich gesprochen wird:
- Leben mit Hörschädigung
- Morbus Menière
- Tinnitus
- Schwindel
- Hyperakusis
- unsichtbare chronische Erkrankungen
- Scham, Anpassung und Sichtbarkeit
Denn Sichtbarkeit verändert etwas.
Nicht nur für die Gesellschaft.
Sondern auch für die Menschen, die sich selbst jahrelang falsch, zu empfindlich oder „nicht krank genug“ gefühlt haben.
Du musst dich nicht verstecken – weder mit Hörgerät noch mit CI
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Artikels:
Du musst dich nicht verstecken.
Nicht mit deinem Hörgerät.
Nicht mit deinem Cochlea-Implantat.
Nicht mit deiner Diagnose.
Nicht mit deiner Erschöpfung.
Nicht mit deiner Wahrheit.
Sichtbar zu werden ist nicht immer leicht.
Aber es kann unglaublich befreiend sein.
Und manchmal ist genau das der Moment, in dem aus Scham langsam Stolz wird.
Mein Fazit: Schlecht hören kann jung, unsichtbar und extrem belastend sein
Schlecht hören ist nicht einfach nur „ein bisschen leiser hören“.
Es kann bedeuten:
- dauerhaft unter Stress zu stehen
- soziale Situationen zu vermeiden
- Gespräche zu erraten statt zu verstehen
- sich fehl am Platz zu fühlen
- sich zu schämen
- sich ständig anzupassen
- und trotzdem von außen „ganz normal“ zu wirken und ganz normal zu „funktionieren“
Deshalb brauchen wir mehr Aufklärung.
Mehr Ehrlichkeit.
Mehr Sichtbarkeit.
Und vor allem:
Mehr Menschen, die sagen:
Ja, ich bin betroffen. Und ich verstecke mich nicht mehr.
Kennst du dieses Gefühl?
Versteckst du etwas, das dir eigentlich hilft?
- ein Hörgerät
- ein Cochlea-Implantat
- ein anderes Hilfsmittel
- oder vielleicht sogar eine Diagnose?
Oder gab es irgendwann diesen Moment, an dem du beschlossen hast:
Schluss jetzt – ich zeige mich so, wie ich bin.
Wenn du magst, schreib mir gern in die Kommentare oder teile deine Geschichte mit mir oder komme zu uns in den (un)sichtbar chronisch Podcast! Wir freuen uns auf dich und deine Geschichte!
Hier der Link zum (un)sichtbar chronisch Podcast:https://unsichtbarchronisch.de/
